|
Positionspapier der INM zur Neuordnung der Förderung Neuer Musik in Berlin
Das Modell einer demokratisch legitimierten, auf dem Solidarprinzip beruhenden Institution zur Förderung der Freien Neue Musik Szene ist europaweit beispielhaft.
Die INM hat sich – kurz nach der Wende 1989 auf Anregung der Kulturverwaltung als Dachverband sämtlicher Veranstalter Neuer Musik in Berlin gegründet – zur treibenden und fördernden Kraft der Neuen Musik Szene Berlins entwickelt.
Tatsächlich hat die INM in den vergangenen fast 20 Jahren maßgeblich zur Vielfalt, zur Qualitätssteigerung und Professionalisierung der Szene beigetragen, sodass Berlin zu Recht den Ruf als Hauptstadt der Neuen Musik in Europa genießt.
Kern die INM-Arbeit ist die, von der Mitgliedschaft alle zwei Jahre neu gewählte Jury, deren sieben Mitglieder weisungsungebunden und vorstandsunabhängig über die Bewerbungen. entscheiden.
Die Jury wählt aus der Fülle der Anträge die künstlerisch wertvollen und innovativen Projekte für eine Förderung aus:
Angesichts der insgesamt relativ kleinen zu vergebenden Fördersumme in Höhe von 172.000 Euro, musste diese bislang eher auf Erhalt der Vielfalt gerichtet sein, um eine Realisierung zumindest der herausragenden Projekte zu ermöglichen.
- Dies ist eine Verlegenheit, in der sich angesichts der knappen zu vergebenden Mittel bislang noch jede INM-Jury befand (eine Misere, auf die die Senatsverwaltung mit noch kleinteiligerer und hilfloserer Zusatzförderung reagiert hat).
- Eine großzügige Aufstockung der Mittel - die wir hiermit fordern - wird es erlauben, in Zukunft auch große, tragfähige Veranstalterkonzepte zu fördern, die bislang unberücksichtigt blieben oder vehement gekürzt werden mussten.
Erst so wird die INM strukturbildend wirken und ihrem Auftrag wirklich gerecht werden können.
Die zukünftige Förderung der Neuen-Musik-Szene muss auf Nachhaltigkeit gerichtet sein:
1. So will die INM in Zukunft eine zweijährige Optionsförderung einrichten, die es Veranstaltern ermöglicht, zwei Jahre lang ihre Projekte realisieren zu können.
2. Weiterhin wird es in Zukunft jährlich die Ausschreibung der „Kompositionsaufträge“ geben, die den Ensembles/Interpreten ermöglicht, die Arbeit der Komponisten, die für sie schreiben, zu honorieren (was ihnen ohne diese Förderung unmöglich wäre).
3. Der berlintypischen Dezentralisierung und Heterogenität der Szene wird durch ein einheitliches Marketingkonzept entgegengewirkt, sowohl die Außendarstellung (durch Flyer/Plakate), als auch die Zusammenfassung durch Kuratierung betreffend.
4. Mit der politischen Unterstützung des Ausbaues der Villa Elisabeth zur konzerttauglichen Spielstätte wird (neben vielen anderen) den freien Veranstaltern einen Auftrittsort geboten, der die technischen und logistischen Anforderungen erfüllt und so die Lücke, die der Wegfall des Ballhauses Naunynstr. und des Hauses Podewil gelassen hat, füllt.
5. Die Verschränkung von bürgerlichem Konzertbetrieb und professioneller Freier Szene durch das Abonnement-Konzept (das bereits in Zusammenarbeit mit den freien Veranstaltern, der Philharmonie und dem Konzerthaus entwickelt ist), soll realisiert werden.
6. Die von der Senatsverwaltung im Mai ausgeschriebene Ensembleförderung geht nach unserer Ansicht in die richtige Richtung und wird – so weiterhin ein demokratisches Konzept trägt – fortgeführt.
7. Marketing: Der erfolgreiche „Konzertführer Neue Musik“, sowie die funktionable und gut entwickelte Internetpräsenz (www.inm-berlin.de) zu sämtlichen die Neue Musik betreffenden Aktivitäten, werden durch zusätzliche Mittel redaktionell aufgewertet werden.
Schließlich werden die geförderten Projekte ausgestattet werden, ihre projektierten Marketingmaßnahmen auch professionell umzusetzen (bislang reichen die Mittel allenfalls für einen Postkartendruck und günstigenfalls für dessen Verteilung - eine gezielte Außen-/Anzeigenwerbung ist derzeit jedoch ausgeschlossen und beileibe nicht Hinweis auf mangelnde Professionalität...) -
Wir begrüßen grundsätzlich die von der Senatsverwaltung und ihren Initiativen ausgelöste Diskussion.
Alle Förderungen, inklusive der Dauerförderung des KNM, des Ensembles Oriol, der „Unerhörten Musik“, des Landesmusikrates, der „Jeunesses musicales“ u.a. müssen auf dem Prüfstand stehen.
Dies wird nur auf demokratischem Wege zu bewerkstelligen sein.
(Demokratische Strukturen sind natürlich besonders angreifbar:
Förderungsempänger bedanken sich nicht, sondern haben die Förderung, ob der Qualität ihrer Projekte, zurecht verdient, zumal der Zuwendungsgeber – in diesem Falle die INM-Jury – demokratisch legitimiert war. Abgelehnte Projekte meinen hier in der Kulturverwaltung einen Fürsprecher und Hilfe zu finden, wohingegen von einer Senatsjury - deren Integrität keineswegs in Zweifel steht - abgelehnte Projekte keinen Ansprechpartner mehr haben...)
Die Senatsverwaltung kann und darf ihre Verantwortung nicht abgeben, von daher wird eine Bündelung der Mittel - die wir befürworten - nur positiv wirken können, wenn sie weiterhin mehrfach juriert und wie vorher bereits erläutert – und von uns gewollt – in die Hände einer die gesamte Szene vertretenden Institution gegeben wird.
Hierbei wird die Richtungsweisung der Senatsverwaltung, einzelne Förderinstrumente betreffend, nicht nur gewünscht, sondern ggf. auch unabdingbar sein.
Eine einmalig, zumal für fünf Jahre vergebene Gesamtförderung an einen einzelnen, partikulären Träger (im günstigsten Falle ein Projekt-Konglomerat, wie im Falle von „Ohrenstrand“) würde die Verwaltung natürlich ihrer Verantwortung, aber auch ihrer Rechenschaft entbinden; dies würde jedoch für die Vielfalt der Szene und ihre Entwicklungsmöglichkeiten einen unabsehbaren Flurschaden hinterlassen.
Eine Kopie des Bundeskulturstiftungsmodelles, das Strukturen schaffen wollte, in dem es einem Zusammenschluss von „Partnern“, die sich – Kompatibilität hin oder her – zusammentun, um im großen Stil Mittel zu akquirieren, war vielleicht für Berlin einige Jahre lang als vor allem finanzielle Zugabe reizvoll, würde aber im Falle der gewachsenen empfindsamen Zeitgleichheit aller Richtungen zeitgenössischen Musikschaffens, wie sich die Berliner Szene derzeit darstellt, verheerend wirken.
Wir leisten hier ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit, für die Qualität, für die Auseinandersetzung, den Streit und den Erhalt der Vielfalt der Neue-Musik-Szene in Berlin.
Einfache Wege gibt es nicht.
Die INM ist sich ihrer Verantwortung bewusst und ist daher für alle Modelle vielfältiger, gerade auch fachspezifischer Jurierung, offen.
Wir fordern daher alle Projekte auf, sich - sofern sie nicht ohnehin schon Mitglied sind - in der INM zu engagieren, bei der nächsten Mitgliederversammlung im Herbst Einfluss die Neuwahl des Vorstandes und - noch wichtiger! - der Jury zu nehmen.
Wir sind sicher, dass die Neue Musik Szene Berlins sich nicht von Partikularinteressen einzelner Strömungen dominieren lassen wird, und erteilen hiermit allen Bestrebungen, die fragile und schwer zu schützende Einheit und vor allem die Vielfalt unseres Tuns durch vermeintlich einfache Lösungen zunichte machen zu lassen, eine herzhafte Absage!
26.5.2009
Der Vorstand der INM
|