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31.03.2007 Haus der Kulturen der Welt Morton Feldmann For Philip Guston
Tagesspiegel
Mit geballten Fäusten gegen die Zeit
Präsident Kabila ist schuld! Verstrickt in einen blutigen Machtkampf, hat er nun auch dafür gesorgt, dass das Kalimba-Orchester Konono No.1 nicht rechtzeitig aus Kinshasa ausreisen konnte, um im Haus der Kulturen der Welt aufzutreten, das sich wie der Kongo im tiefgreifenden Umbau befindet, auch wenn es hier weitaus friedlicher zugeht. Im vierten Teil seiner „Baustellen“-Reihe wendet sich das Haus dem Phänomen der Zeitwahrnehmung in der Musik zu und hat ein höchst anspruchsvollen Programm zusammengestellt. Los gings bereits am Nachmittag mit dem Trio Nexus und der Aufführung des vierstündigen Morton-Feldman-Stückes „For Philip Guston“, das besonders vor dem Hintergrund vorbeifahrender Ausflugsschiffe und S-Bahn-Züge zu einem transzendentalen Ereignis wurde, bevor der japanische Soundtüftler Toshimaru Nakamura mit einem Mischpult haarscharf am Nichts vorbeisägende Sinuskurven erzeugt und das amerikanisch-chinesische Duo FM3 zwischen Drogenrock und Buddha-Lounge einen hermetischen Raum zum Wegdriften aufklappt. Zumindest war das Publikum bestens eingestimmt für den Auftritt des australischen Trios The Necks, das seine Musik zwischen Minimal-Music und Power-Jazz zerfließen lässt. Angetrieben durch den famosen Tony Buck, dessen Schlagzeug wie ein Sack Klapperschlangen rattert und zischt, formt Chris Abrahams ausdauernde Ostinato-Muster und bringt den Flügel mit geballten Fäusten zum Beben. Derweil passt Lloyd Swanton am Kontrabass auf, dass nichts davonfliegt. Dabei heben die Musiker das einmal beschworene Thema mittels erprobter Schleusentechnik so nachdrücklich die Treppchen hoch, das man gar nicht überrascht ist, wenn nach einer Stunde Spielzeit alles in grandiosem Lärm aufglüht. Bleiben zwei Fragen: Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es auch für Kabila zu spät? Volker Lüke
die Tageszeitung
Auf die Eins warten
Obwohl selbst noch Riesenbaustelle, suchte das HKW am Samstag nach Musiken jenseits von Willen und Diskurs: Das 8-Stunden-Konzert "Meine Zeit" wurde zu einem Event für Beflissene, das sich am ehesten als Naturereignis beschreiben lässt
Im Laufe dieses denkwürdigen Konzerttages im Haus der Kulturen der Welt drängten sich einige Fragen mehrfach auf. Sie lassen sich gut in einem pseudobuddhistischen Paradoxon bündeln. "Meister, wohin wollen all diese Töne?" - "Sie wollen nirgendwohin." - "Aber Meister, wenn sie nirgendwohin wollen, woher kommen sie dann?" - "Sie kommen dorther, wo sie hinwollen." Ganz gleich, ob man dieses Rätsel nun auf Morton Feldmans Trio "for Philip Guston" bezog, auf das rückgekoppelte Mischpult von Toshimaru Nakamura oder die sich selbst genügenden Drones von FM3 und The Necks - die meisterliche Antwort galt für sie alle und blieb dabei widersprüchlich und offen.
An Bildern, mit denen sich die an diesem Marathontag aufgeführten Musiken beschreiben lassen, mangelt es nicht. Man stelle sich beispielsweise einen Glühwürmchenschwarm vor. Die Lichter erscheinen und verdimmen scheinbar planlos. Aber das Bild hinkt, denn die Glühwürmchen verfolgen ja streng genommen ein bestimmtes Ziel. Eher noch ließe sich die Zusammenhangslosigkeit der gehörten Klänge mit den Lichtern der Pole oder der Sterne vergleichen. Vielleicht aber könnte man sich am ehesten darauf einigen: Die Musik, die am Samstag im HKW zu hören war, kam einem Naturereignis gleich.
Im Mittelpunkt der insgesamt achtstündigen Veranstaltung stand Morton Feldmans "for Philip Guston", das der New Yorker Komponist dem befreundeten Maler 1984, vier Jahre nach dessen Tode, widmete. In diesem epochalen, späten Stück führt Feldman seine Ästhetik konsequent an ein Ende. Klänge bedeuten nichts; sie existieren nur um ihrer selbst willen. Die Musik spricht oder redet nicht, sondern führt ein Eigenleben, das der Idee vom tönenden Diskurs spottet. Mit seiner Besetzung - Flöte, weiches Schlagzeug sowie Klavier und Celesta - wirkte das auratische Klangbild fast ein wenig kitschig. Aber die Musiker des Trio Nexus klärten das Ganze, spielten ohne Ausdruck und Vibrato, stellten die Töne hin und ließen sie stehen.
Natürlich hat Feldman seine Klänge nicht willkürlich gesetzt. Auch wenn das Material reduziert ist und die Instrumente getragene, einfache Figuren zu spielen haben, klingen sie doch niemals synchron, sondern in den Tempi gegeneinander verschoben. Was gerade noch Auftakt war, ist auch schon Nachhall. Was gerade noch alleine stand, erklingt jetzt im Akkord. In all diesem Fließen wartete und wartete man auf eine schlagkräftige Eins; es gab sie - vier Stunden lang - nicht. Nur ganz selten setzt Feldman eine Zäsur: ein Signalmotiv der Röhrenglocken, ein tiefes Tremolo des Marimbafon.
Im Verlaufe des Nachmittags wurde das Stück zu mehr als einer bloß musikalischen, nämlich zu einer körperlichen Erfahrung. Man betrieb mehr ein "hear" denn ein "listen". Manche im Publikum - darunter Jünger, Neugierige, Ehrgeizige und Beflissene - meditierten, andere schliefen oder lasen. Aber alle wirkten am Ende irgendwie gereinigt.
Was auf Feldman folgte, war geistig mit ihm verwandt, ohne sich explizit auf ihn zu beziehen. Zu den überzeugendsten Momenten des Abends gehörte der kurze, wuchtige Auftritt von Toshimaru Nakamura. Der Japaner schloss die Ein- und Ausgänge eines Mischpults kurz und spielte mit den so entstehenden Rückkoppelungen. Natürlich hat Nakamura diese Technik nicht erfunden, aber er hat sie als eigene Kunstform verfeinert. Er habe es als Gitarrist seinerzeit nicht ertragen können, das Instrument schlagen zu müssen, damit es reagiere. Der Weg zum "No-Input-Mixing Board" lag da nahe. Tatsächlich agierte Nakamura zurückhaltend und stoisch: ein Lautstärkeregler hier, eine Filtereinstellung dort. Den Rest erledigte das verstört rauschende Innenleben einer Maschine.
Die beiden letzten Auftritte konnten dieses Niveau leider nicht halten. Die amerikanisch-chinesische Kooperation FM3, die sich mit der Buddha-Machine, einem Low-tech-Loop-Player, unsterblich gemacht haben, verärgerten durch einen käsigen Drone, der mit peinlich pathetischen Posen ausgeschmückt wurde. Und auch das australische Trio The Necks vertraute, trotz interessanter Klangeffekte im präparierten Klavier, zu sehr auf den Eros eines schwellenden Drones, ohne dabei einen ästhetischen Mehrwert zu verbuchen. Der geplante Schlussakt mit Konono No. 1 hätte dem Abend sicher gut getan - aber die gerühmte Congotronics-Band um den 74-jährigen Kalimba-Virtuosen Mingiedi konnte als Folge der derzeit ausartenden Krisensituation im Kongo nicht ausreisen.
Der Konzerttag blieb also voller Widersprüche. Dem Haus der Kulturen der Welt ist nicht zugute zu halten, dass sie die jeweiligen Künstler überhaupt eingeladen hat - sie alle sind in der jüngeren Vergangenheit schon in Berlin zu hören gewesen. Aber: Dem HKW ist sehr wohl gutzuschreiben, dass sie die genannten Ensembles und Bands zusammen eingeladen hat. Das Verdienst von Kurator Nicholas Bussmann liegt in der konzentrierten Größe eines Programms, das offenbarte: Es gibt Musik, die sich jenseits allen Wollens und aller Diskurse behauptet.
taz Berlin lokal Nr. 8241 vom 2.4.2007, Seite 23, 168 Kommentar BJÖRN GOTTSTEIN, Rezension
VANIZYFAIR online
Rainald Goetz
Die Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft
Samstag, 31. März 2007, Berlin
Morton Feldmann hat 1984 das Stück For Philip Guston geschrieben, heute wird es im Haus der Kulturen der Welt aufgeführt. Es ist kurz nach drei am Nachmittag, die drei Musiker vom Trio Nexus kommen aufs Podium, das in der Mitte des Restaurantsraums aufgebaut ist, ruckeln und zuckeln sich an ihren Instrumenten ein und fest, nehmen mit ihren Gesichtern den innerlich zeitgetakteten Musikerkontakt zueinander auf und fangen an zu spielen. Flöte, Klavier, Xylophon. Leise Töne erklingen, fast melodiefrei ruhige Sequenzen, eventuell bevorzugt in Dreiereinheiten portioniert, sicher aber minimal und unvorhersehbar verschoben im Zusammenspiel der drei Intrumente, als würde jeder für sich sein und spielen, aber auf äußeren Anstoßkontakt durch das Außentonereignis vom anderen Instrument her doch reflektorisch reagieren mit eigenem Ton. Angenehm, interessant, meditativ auch, und bald auch anstrengend in seiner Reduziertheit, in der Betontheit der Kargheit der Aussagereduktion. Zeit erfahren, das tut weh.
Wer ist Morton Feldman? Was will er sagen? Was hat er gedacht? Ein Requiem für Philip Guston. Wie war das nocheinmal mit Philip Guston? Es ist eventuell auch gut, nichts zu wissen und naiv, offen und nervös zu verstehen zu versuchen als interessierter Depp, was in dieser Musik vorgeht, aber lieber wüsste man mehr. Nach etwa einer Stunde entsteht der Eindruck, die Musiker würden jetzt Phrasen hintereinander und dabei auch wirklich miteinander spielen, ein sensationeller Effekt, Freude durch Verstehen, mit dem Zweifel unterlegt, dass das gar nicht stimmt, was man da beobachtet. Kleiner Pausengang nach draußen, gegen fünf Uhr, auf ganz leisen Sohlen, die Glastüre zur Spree hin wird von einem knallgelb bekleideten Wärter ganz leise geöffnet, draußen scheint die Sonne, auch hier eine hohe wehenden Weide, dahinter das Kanzleramt, der Staat, der uns Aktivsten der Kultur es ermöglicht, diesen Radikalismus moderner Kunst hier erfahren zu können.
Gemeinsam mit etwa 50, 60 anderen Leuten. Auch die Gemeinsamkeit des Zuhörens gehört zum Erlebnis einer solchen über vier Stunden hin sich streng und quasi kaum entwickelnden Abstraktmusik. Was denkt der andere Mensch, der das hört? Was hört er überhaupt? Die Schmerzen der Langeweile, der inneren Abschweifung, der gedanklichen Armut, manchmal denkt man gar nichts, auch ein stressiges Gefühl, dem das Kollektiv als Gegenstütze die Stabilität der Vorhersage entgegenhält, dass man hier gemeinsam weiter zuhören wird. Einfach weil man genau zu diesem Zweck hier nun einmal zusammengekommen ist. Und wird dann plötzlich doch auch wieder von der Musik ergriffen, von irgendeinem Klang, einer Beobachtung, einem Gedanken und wieder aufgenommen in diese Archaik des Zusammensitzens um die zarten harten Töne hier.
Später zu dritt in der Süppchenschlange. Dann im Auditorium der minimalistische Elektrokrachjapaner. Das Loopdröhnduo aus Peking, titankatzenhaft im Trockeneisnebel. Zuletzt: The Necks. Bitte das Bier draußen lassen, Hirn kommt nach. Und auch wenn Morton Feldman in seinem puristischen Isolationismus irrt von heute aus gesehen, die Trauer darüber, was im 20. Jahrhundert an Subjektauslöschung sich ereignet hat, die -
Diedrich mag mein Denken nicht, ich meist selber auch nicht. Falsches reden, falsch denken, aber dann im Schreiben da dagegen, das könnte fast eine Definition guter Textproduktion -
FAUL. So der Titel meines demnächst von mir herausgegebenen Fussball-Magazins, das auf dem absolutem Desinteresse des Herausgebers an ganzen Sätzen und an Fussball gründet. Heft 1: Faul macht morgen wieder frei.
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